swr.de – Ein Mann räumt auf

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Organisationsexperte Jürgen Kürz gibt Tipps

Jürgen Kurz kämpft gegen das Chaos. Er zeigt Menschen in Firmen, wie man Schreibtische so aufräumt, dass sie für immer ordentlich bleiben. Seine Tipps fürs Büro wendet der Experte jetzt auch auf den Haushalt an. Er kennt dabei seine Grenzen ganz genau: Von Damenhandtaschen zum Beispiel hält er sich fern.

SWR.de: Als Aufräum-Helfer sehen Sie bestimmt viele „schlimme Sachen”.

Jürgen Kurz: Einmal war ich im Büro einer Chefbuchhalterin. Da standen zwei Flaschen Wein auf dem Fußboden. Die eine war geöffnet und nur zur Hälfte voll. Ich mache immer Fotos und sage „So sehen uns Kollegen, Kunden und jeder der reinkommt”. Ich habe also dieses Foto gezeigt und alle im Raum haben gelacht. Die haben genau wie ich gedacht, die Dame trinkt womöglich Wein bei der Arbeit. Doch sie meinte, das sei nur Wasser zum Gießen der Blumen. Witzigerweise war die zweite Flasche jedoch noch verkorkt.

Ich habe auch schon alle möglichen Messer gefunden. Eines der härtesten Dinge war allerdings eine Tontafel. Darauf hat der Mitarbeiter seinen Thunfisch geschnitten und zubereitet. Sie können sich vorstellen, wie es in dem Büro gerochen hat. Viele haben wahrscheinlich die Messer, um Pakete und Briefe aufzuschneiden. Oder vielleicht will man auch unliebsame Besucher vertreiben. Doch obwohl ich kein Waffenexperte bin, kann ich Ihnen sagen, manches wäre glatt als Stichwaffe durchgegangen.

Gibt's auch eher lustige Sachen?

Was man auch immer findet, sind lustige Sprüche an der Wand. Da spricht nichts dagegen. Aber wenn Sie in eine Vertriebsabteilung kommen und da hängt ein Zettel auf dem steht "Der Kunde steht bei uns im Mittelpunkt – und dabei allen im Wege", dann muss man sich als Kunde schon fragen, ob man erwünscht ist.

Was mache ich denn, wenn mein Kollege gegenüber in Aktenstapeln verschwindet und ich selber einen leeren Schreibtisch bevorzuge?

Im Prinzip können Sie nichts tun, sondern der Kollege. Man muss ihn fragen, warum er diese Stapel hat.

Und wenn er sagt, weil er so viel Arbeit hat?

  • Jürgen Kurz macht das so genannte „Büro-Kaizen”. Der japanische Begriff „Kaizen” steht für eine ständige Verbesserung zum Guten. Kurz sieht dabei den Mitarbeiter als Experten für seinen Arbeitsplatz.

Dann wäre die nächste Frage: „Wenn ich Ihnen also helfen würde, die Arbeit zu erledigen, hätten Sie dann die Stapel nicht auf dem Tisch?” Dann wird er sagen „Ja” und wir müssen systematisch diesen Schreibtisch aufräumen. Ich beweise gerne am Beispiel Küche, dass Sie selber aufräumen können: In der Küche gibt es eine Schublade für Messer, Gabel und Löffel. Die ist bei 99 Prozent der Menschen aufgeräumt. Wenn wir uns fragen warum, dann ist es dieser Besteckeinsatz. Offensichtlich hat man allen Dingen eine Heimat gegeben und dann kann nichts mehr rumliegen.

Wie ist es denn zuhause? Angenommen mein Mann findet keine Heimat für seine Socken. Was kann ich tun?

Der Schlüssel heißt gemeinsame Lösungen. Ich würde den Mann fragen „Leidest Du möglicherweise auch darunter, dass Du nie Deine Socken findest?” Dann wird die Antwort sein „Ja, mich friert es immer an den Füßen”. Dann würde ich sagen „Wo hättest Du Deine Socken denn gerne?” Also gib den Dingen eine Heimat und es funktioniert.

Aber was ist, wenn er Osterfiguren sammelt, die wirklich überall herumstehen und sie einen Ordnungsfimmel hat? Wie kann sich dieses Paar vertragen?

Das Paar hat einen riesigen Vorteil gegenüber Menschen in einer Firma. Das eine ist eine Zweckgemeinschaft, doch zwei Menschen die zusammen leben verbindet ja oft noch mehr. In einer Partnerschaft ist es möglich, miteinander in Ruhe über den Grad der Unordnung zu sprechen und zu erklären, warum einem das wichtig ist.

Es gibt Menschen, denen bereitet der Gedanke, etwas wegzuwerfen, körperliche Schmerzen. Ich habe das in Firmen erlebt. Daher muss ich sagen: „Ich verstehe, dass Du ein Osterfigurensammler bist. Aber müssen alle diese Figuren im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer gesammelt werden? Kann man sie nicht auslagern oder limitieren?”

Das kann man nun aber durch den Kleiderschrank der Durchschnittsfrau widerlegen. Sie kann nichts wegwerfen, denn es könnte ja irgendwann doch noch passen oder gefallen.

Für Menschen, die nichts loslassen können, empfiehlt der Aufräumpapst Tiki Küstenmacher „Wegwerfen auf Probe”. Stellen Sie unten in den Schrank einen Karton mit der Aufschrift was drin ist, bitte nicht wegwerfen, aufbewahren bis zum 31.12.2030. Wenn ich es bis dahin nicht gebraucht habe, kann ich’s wegwerfen.

Das ist aber schon eine lange Zeit.

Richtig. Aber Sie müssen den Karton ja nicht im Schrank lagern. Auch in Büros könnte man oft meinen, es gäbe ein Grundgesetz, das heißt „Schränke müssen voll sein”.

Dafür sind sie ja da.

Nein. Schränke in Büros sind da, um zu organisieren. Wenn Sie drei Meter laufende Regalfläche haben und Sie suchen einen Ordner, ist die Suchzeit länger als wenn es nur ein Meter wäre. Das gilt auch für Ihre Urlaubsvertretung. Wenn ein Kunde eine Frage an ihn hat, kann er schlecht sagen, rufen Sie doch in 14 Tagen nochmal an.

„Ich war ein Volltischler”
Jürgen Kurz plaudert aus dem Nähkästchen

  • Zuhause ist Kurz' Frau für die Ordnung zuständig. Sie hat erreicht, dass er seine Socken in zwei Schubladen aufbewahrt: Eine für den Sommer, eine für den Winter.

Jürgen Kurz: Nein, nicht wirklich. Im Büro unterscheidet man den Volltischler und den Leertischler. Der Leertischler ist der, der sagt, ein Blatt Papier auf dem Tisch ist schon zuviel. Der Volltischler hat diese Stapel. Ich selber war über viele Jahre Volltischler. Inzwischen habe ich meinen Unterlagen auch eineHeimat gegeben. Wenn ich an einem Vorgang arbeite, liegen nur diese Dinge vor mir.

Alles andere lenkt ab?

Beispiel Papierschreibunterlage: Viele beschriften sie und wenn man sich das dann anschaut sieht man ganz oft Blumen.

Da fühle ich mich persönlich angesprochen.

Haben Sie so eine Papierunterlage?

Ja.

Dann machen Sie ein Experiment. Ich weiß, dass es oft bei Frauen so ist, dass sie die Unterlage brauchen, weil es ihnen auf dem nackten Tisch kalt den Rücken runter läuft.

Und auch wenn man schnell mal was aufschreiben muss.

Wenn Sie die Schreibunterlage wegnehmen und den Block auf den leeren Tisch legen, dann sehen Sie schon, dass das von der Konzentration und Fokussierung ein völlig anderes Bild ist. Nehmen Sie eine einfarbige Unterlage und mache Sie Ihre Notizen auf einem Block.

Aber ich kann nirgends mehr meine Blümchen draufmalen.

Doch, auf den Notizblock. Menschen malen Blumen, weil beide Seiten des Gehirns angesprochen sein müssen. Da spricht nichts dagegen. Ich muss doch nur die Blume nicht den ganzen Tag sehen. Ich weiß nicht, warum die Papierunterlagen oft bei Damen verwendet werden. Die sagen, es klebt sonst im Sommer. Aber was passiert mit Ihrer Unterlage?

Da klebt es nicht?

Sie schreiben mit Farbe auf einer Papierunterlage. Da ist Flüssigkeit drin. Die trocknet. Dann kommen Sie mit feuchten Unterarmen. Der Schweiß wird in das Papier abgegeben. Das Papier wellt sich. Der Schweiß löst die Farbe wieder auf. Wenn Sie Ihre Unterarme dann anschauen, sind sie nicht sauber. Ich habe schon Unterlagen gesehen, da haben sich, schräg von außen nach innen, bräunliche Streifen, Bahnen, gebildet, wo Sie genau sehen, wo die Arme draufliegen. Das ist eher unhygienisch. Wenn der Tisch klebt, nimmt man einen feuchten Lappen und fährt drüber.

Wenn wir schon bei Frauenproblemen sind. Wie kann ich das Handtaschenproblem denn lösen? Manchmal findet frau nichts mehr in der Handtasche, weil so viele wichtige Dinge drin sind.

Da kann ich mich schwer reindenken. Ich würde versuchen eine gewisse Ordnung zu schaffen. Aber bei einem Vortrag hab ich mal das Küchenbeispiel gemacht. Da hat ein Mann gesagt „Mensch, das ist ja super, nächsten Monat komme ich in Rente und das erste was ich tun werde, ist meiner Frau die Küche aufzuräumen”. Da habe ich gesagt: „Wissen Sie, ich bin seit fast 20 Jahren verheiratet. Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Tun sie's nicht.” Also von daher, ich glaube, ich würde keiner Frau einen Handtaschen-Tipp geben.

Im Büro ist immer die spannendste Frage: Braucht man das alles, oder kann man nicht mit weniger auskommen. Wenn ich das auf das Handtaschenbeispiel übersetze und ich stelle mir vor, ich würde meiner Frau die Frage stellen, ob sie so viele Handtaschen braucht, wäre die Diskussion zu Ende.

Ich sehe, Sie verstehen die Frauen.

Genau. Ich versuche eine gute Ehe dadurch zu führen, dass ich meiner Frau ihre Entscheidungen überlasse und sie überlässt mir meine. Und eindeutig ihre Entscheidung ist, wie viele Handtaschen sie
hat.