Machen Sie sich den Zeigarnik-Effekt bewusst bei der Arbeit zunutze


Viele von Ihnen kennen das Phänomen des Zeigarnik-Effekts bereits und sehr wahrscheinlich machen Sie sich den Zeigarnik-Effekt bereits unbewusst zunutze. Hinter diesem schönen Fachausdruck verbirgt sich ein ziemlich simpler psychologischer Kniff, der Ihnen bei näherer Betrachtung direkt einleuchten wird. Wir klären Sie darüber auf, was der Zeigarnik-Effekt überhaupt ist, wo dieses psychologische Prinzip angewandt wird, welche Vor- und Nachteile das Phänomen birgt und wie man ihn sich zunutze machen kann. Alles Wissenswerte rund um den Zeigarnik-Effekt, umgangssprachlich auch Cliffhänger-Effekt genannt, lesen Sie exklusiv bei uns.

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

1. Was verbirgt sich hinter dem Zeigarnik-Effekt?

Zufällig beobachtete eine russische Psychologin in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts den Effekt in einem Café:

1.1. So entdeckte Bljuma Zeigarnik den nach ihr benannten Effekt

Im Jahre 1927 reiste die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik nach Berlin zur Humboldt-Universität im Auftrag der Forschung. Während ihres Aufenthalts bemerkte sie ein gewisses Phänomen, als sie in einem Berliner Café saß und den Kellner dort beobachtete. Laut einer Legende um die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik beobachtete sie Folgendes: In dem Café herrschte Hochbetrieb und ein Kellner merkte sich zahlreiche Bestellungen von verschiedenen Tischen ohne sie zu notieren. Diese konnte er sich genau so lange merken und in Erinnerung rufen, bis er sie abgearbeitet hatte. Danach wusste er nicht mehr, ob und welcher Gast eine Speise oder ein Getränk gewählt oder bekommen hatte. Nun stellte sich für die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik die Frage, woran es lag, dass sich der Kellner seine Aufgaben so gestochen scharf merken konnte, bis er diese erledigt hatte. Danach war alles wie aus seinem Gedächtnis gelöscht. Getrieben von diesem Phänomen entwickelte Zeigarnik an der Berliner Universität ein Experiment, das den Effekt belegen sollte, dass unerledigte Aufgaben besser im Gedächtnis bleiben als erledigte Aufgaben. Also ließ die russische Psychologin 164 Probanden simple Tätigkeiten ausführen. Die Probanden mussten malen und basteln; manche Aufgaben konnten sie zu Ende bringen und bei manchen Aufgaben wurden sie von Bljuma Zeigarnik unterbrochen. Anschließend befragte Zeigarnik die Probanden, an welche der Aufgaben sie sich noch erinnern könnten. Und die Antwort war wie erwartet:

Die Testpersonen erinnerten sich besser und genauer an diejenigen Aufgaben, bei denen sie unterbrochen wurden, die sie also nicht vollenden konnten. Nach einer Auswertung durch Zeigarnik zeigte sich, dass die Probanden – egal welchen Alters, Geschlechts oder Bildungsstands – um bis zu 90 % besser die unvollendeten Aufgaben wiedergeben konnten.

In einem Berliner Café kam Bljuma Zeigarnik auf die Spur des nach ihr benannten Zeigarnik-Effekts. Dabei merkt sich das Gehirn angefangen Aufgaben deutlich besser als bereits erledigte Aufgaben.
In einem Berliner Café kam Bljuma Zeigarnik auf die Spur des nach ihr benannten Zeigarnik-Effekts. Dabei merkt sich das Gehirn angefangen Aufgaben deutlich besser als bereits erledigte Aufgaben.

1.2. Das steckt hinter dem weltweit bekannten Zeigarnik-Effekt

Nun könnte man annehmen, dass der Zeigarnik-Effekt durch das Abbrechen oder Unterbrechen der Aufgaben getragen wird. Dem ist allerdings nicht so. Entscheidend für den Zeigarnik-Effekt ist der Grund für die anhaltende Konzentration, bis eine Aufgabe vollendet ist. Die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik konnte durch eine vertiefte Forschung belegen, dass nicht der Akt des Unterbrechens einer Aufgabe zu einer gesteigerten Konzentration führte, sondern der des Erledigtseins bzw. des Unerledigtseins.

Kurzum: Wenn Sie vor einer Aufgabe stehen, bauen Sie automatisch eine geistige Spannung oder Konzentration auf, die sich dann explosionsartig auflöst, sobald Sie die Aufgabe gemeistert haben.

Die Aufmerksamkeitsspanne fällt nach Erledigung der Aufgaben stark ab.
Die Aufmerksamkeitsspanne fällt nach Erledigung der Aufgaben stark ab.

2. Wo begegnet uns das Phänomen des Zeigarnik-Effektes im Alltag?

Jeder von Ihnen erlebt den Zeigarnik-Effekt und seine Auswirkungen tagtäglich. Umgangssprachlich wird das Phänomen auch als Cliffhanger-Effekt bezeichnet und wahrscheinlich wissen Sie nun ganz genau, wo Sie ihn im Alltag antreffen. Jeder mehrteilige Film und jede Serie machen sich diesen Effekt zunutze. Zu jedem Ende und zu jeder Werbeunterbrechung sehen Sie als Zuschauer etwas so Spannendes, dass Sie gerne wissen möchten, wie es hier wohl weitergeht. Die Auflösung erfolgt entweder nach der Werbeunterbrechung oder in der nächsten Folge. Der Zeigarnik- oder auch der Cliffhanger-Effekt bewirkt hier, dass Sie dranbleiben und am nächsten Tag wieder einschalten oder nach der Werbung immer noch interessiert die Sendung verfolgen ohne weg zu zappen. Hier wird der Zeigarnik-Effekt so gekonnt eingesetzt, dass Sie ihn als solchen gar nicht mehr wahrnehmen. Oder hätten Sie gewusst, dass ein Cliffhanger auf den weltweit bekannten Zeigarnik-Effekt zurück geht?

3. Welche Vor- und Nachteile birgt der Zeigarnik-Effekt?

Eines ist ganz eindeutig: Jede Medaille hat zwei Seiten und so ist es auch beim Zeigarnik-Effekt. Er birgt Vor- aber auch Nachteile.

Die Vorteile des Zeigarnik-Effektes

  • Unerledigtes bleibt im Gedächtnis
  • Gesteigertes Konzentrationsvermögen
  • Gesteigerte Motivation, angefangene Aufgaben zu erledigen

Die Nachteile des Zeigarnik-Effektes

  • Unerledigtes bleibt im Gedächtnis, evtl. auch nach Feierabend
  • Gesteigerte Konzentration baut ein zu starkes Druckgefühl auf
  • Unvollendete Aufgaben können als unlösbar erscheinen

Wie bei vielen Dingen im Leben, so verhält es sich auch mit dem Zeigarnik-Effekt: Die Dosis macht das Gift. Finden Sie im Gebrauch des Cliffhanger-Effektes ein sinnvolles Mittelmaß. Finden Sie eine sinnvolle Unterbrechung und zwar genau dann, wenn das Arbeitspensum nicht unüberwindbar scheint. So finden Sie am nächsten Arbeitstag garantiert wieder einfach und schnell in Ihre Routine, können aber bei einer sinnvollen Unterbrechung in der Freizeit gut abschalten und andere Aspekte des Lebens genießen.

Der Zeigarnik-Effekt ist ein zweischneidiges Schwert: Achten Sie auf die Vor- und Nachteile!
Der Zeigarnik-Effekt ist ein zweischneidiges Schwert: Achten Sie auf die Vor- und Nachteile!

4. Wie können Sie sich den Zeigarnik-Effekt zunutze machen?

Den Effekt, der von Frau Zeigarnik in den 1920er Jahren entdeckt wurde, können Sie durchaus positiv in Ihren Arbeitsalltag integrieren. Durch das Phänomen können Sie sich dazu motivieren, Aufgaben gezielter und strukturierter anzugehen und sie auch zu erledigen. Das gelingt Ihnen ganz leicht mit der klassischen To-Do-Liste. Mit einer To-Do-Liste manipulieren Sie sich ganz einfach selbst nach dem Prinzip des Zeigarnik-Effektes. Sie gehen auf die Jagd nach Häkchen – Häkchen, die Sie hinter eine erledigte Aufgabe setzen können und somit aus Ihrem Gedächtnis streichen können. Sie schreiben sich dazu einfach alle Aufgaben in möglichst kleinen Teilschritten stichpunktartig auf. Sorgen Sie dafür, dass Sie Ihr Belohnungszentrum im Gehirn mit möglichst vielen Häkchen beglücken können. Ist ein Punkt erledigt, haken Sie ihn ab. Sie bauen automatisch eine gesteigerte Konzentration auf, um die nächste Aufgabe abhaken zu können.

Unser Tipp: Damit beim Abhaken Ihrer Liste kein Stress entsteht, der Sie in Ihrer Arbeit verlangsamt, teilen Sie Ihre Aufgaben in möglichst viele und kleine Unteraufgaben auf. Je mehr Häkchen Sie auf Ihrer Liste erblicken, desto intensiver arbeitet Ihr Gehirn in Sachen Belohnung. Sie fühlen sich automatisch glücklicher beim Erledigen Ihrer alltäglichen Aufgaben. Probieren Sie es selbst aus, fertigen Sie eine To-Do-Liste an und machen Sie sich so den Zeigarnik-Effekt zunutze!



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